„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen“ – Johann Wolfgang von Goethe

Eine kleine Pizzeria in Köln 1972: Ein junger Musikstudent arbeitet als Küchen- und Servieraushilfe in den Semesterferien, um sich endlich den angesagten APO-Hippie-Ziegenfellmantel jener Tage zulegen zu können. Nach Geschäftsschluss nachts kommen die Kellner und Besitzer der umliegenden Ristoranti und essen zu Abend. Der junge Student bedient und ist begeistert von der Lebensart dieser Menschen, die essen, trinken, singen, wehmütig von der Heimat erzählen und ihn in ihren Kreis ziehen. Nichts wünscht er sich mehr, als diese melodische Sprache zu verstehen.

Bald darauf mietet er seine erste Wohnung. Sie ist vollkommen leer, er besitzt nicht einmal einen Stuhl. In einer Wochenende-Aktion sind alle Zimmer möbliert: Küche und Geschirr, Bett, Tisch, Stühle, Sofa, Lampen etc. Die Italiener brachten alles, was sie übrig hatten, aus ihrer Heimat mitgeschleppt, längst durch moderneres ersetzt; die Wohnung des Studenten sah aus wie ein süditalienisches „appartamento“ der 50er Jahre.

Einige Jahre später traf eine Einladung zu einer Hochzeit in Kalabrien ein. Inzwischen war er kein Student mehr, sondern Rockmusiker, hatte sogar ein kleines Auto; was sprach dagegen, hinzufahren außer ein bisschen Sorge wegen der mangelnden Sprachkenntnisse? Ganz allein traute er sich allerdings nicht, brachte Schwester und Freundin dazu, ihn zu begleiten; ein Musiker mit gleich 2 hübschen Frauen, das musste doch klappen im Land der Künste, wo die Zitronen blühen. Das Konzept ging auf, die Hochzeit endete mit wildem Tarantella-Getanze, aber: Man ließ ihn nicht gehen. Die Familie des Bräutigams hatte beschlossen, ihn als „2.Sohn“ zu betrachten und ihn zu „zivilisieren“.

Von da an kam er, so oft er konnte, oft allein, am häufigsten mit seiner Lebensgefährtin mit dem für die „famiglia“ unaussprechbaren Vornamen „Ilse“ (Elsa, Elsen, Helsen etc.), brachte Freunde mit, blieb Wochen-, manchmal monatelang; erst kamen die Hochzeiten, dann die Taufm, dann die Kommunionen, dann die Hochzeiten der Kinder, dann die Enkelkinder, manchmal jetzt auch schon die eine oder andere Beerdigung. Klar ist: Zio Giorgio, wie man ihn dort nennt, gehört dazu, muss dabeisein.

Inzwischen besuchen ihn die erwachsenen Kinder seiner damaligen Altersgenossen in „Germania“ als Touristen, ohne die Traurigkeit von Emigranten, die außer der Arbeit nicht viel Gutes an Deutschland finden. Ihren Kindern schmeckt sogar das deutsche Essen, sie sind begeistert von der Natur und der Architektur seiner Heimat, besonders lieben sie die Holzhäuser am Ammersee.

Einige sind in seine Fußstapfen getreten, haben eine Band gegründet, die „OPERAI DELLA FIAT 1100“; sie baten Giorgio um Hilfe. Seitdem produziert er ihre Platten, berät sie, veranstaltet gemeinsame Auftritte mit ihnen und den Theatertruppen des INTERNATIONAL MUNICH ARTLAB in Bayern und Kalabrien. Der Erfolg ist überwältigend: Inzwischen spielen die „terroni“, wie die Süditaliener abschätzig im eigenen Land bezeichnet werden, in Rom, ganz Italien, auf Tollwood, haben einen Plattenverlag in München gefunden.

Und Giorgio: Er weiß, wo er hin gehört. Und die „famiglia“ weiß es auch: „Giorgio, ben tornato“

Das historische Picknick

Musica: Operai della Fiat 1100

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