„Wo ist bloß wieder der Gitarrist?“ – Tontechniker
Vom grauen Flimmern auf dem geliehenen Schwarz-Weiß-Fernseher in eine professionelle 5.1-Surround-Regie: So sah der Weg aus, auf dem über Jahrzehnte hinweg aus improvisierten Anfängen ein gewachsenes Produktionsstudio wurde – finanziert durch harte Arbeit, die unbarmherzige Dynamik des technischen Wandels und durch ein gutes Stück persönlichen Netzwerkes.
Vom ersten Blinkcursor zur digitalen Revolution (1984–1990er)
Alles begann 1984 mit einem Commodore C64, den ich mir in einem Elektronikmarkt kaufte. Als ich damit in der Wohnung meiner Schwester ankam, stand ich erst einmal völlig ratlos vor dem Gerät. Ein alter, ausgemusterter Schwarz-Weiß-Fernseher musste als Monitor herhalten, auf dem nichts weiter zu sehen war als ein blinkender Cursor und die Aufforderung zum LOAD. Mühsam versuchte ich damals, mit Omikron Basic das Diskettenlaufwerk einzubinden – stets begleitet von den genervten Protesten meiner Schwester, deren Fernseher ich beschlagnahmt hatte. Mit einer MIDI-Erweiterung und einer 16-Spur-MIDI-Software von Jellinghaus Music öffnete sich dann jedoch das Tor zur Welt der externen Synthesizer.
Der nächste Quantensprung folgte in den späten 80ern und 90ern mit dem Umstieg auf die Atari-Welt (bis hin zum TT) und der Urversion von Steinbergs Cubase, die damals durch die unschlagbare MIDI-Timing-Stabilität Maßstäbe setzte. Ergänzt durch eine digitale Erweiterung von Yamaha (CBXD5) zur Mikrofon-Digitalisierung wuchs das Setup stetig weiter, bis die Ära von Atari jäh endete und die Industrie vor der Wahl stand: Windows oder Mac. Der Versuch mit Windows entpuppte sich als Albtraum aus ständigen Abstürzen und unzureichender Audio-Performance, was den unvermeidlichen Wechsel in die Apple-Welt einläutete.
Die Gartenhaus-Idylle in Schöffelding
Der Umzug an den Ammersee – angetrieben von der Liebe zu meiner Frau – führte in ein kleines Gartenhaus in einem bayerischen Bauerndorf namens Schöffelding. Endlich schien der Ort für ein echtes Studio gefunden: Zwei Räume, getrennt durch eine Glasscheibe, auf der einen Seite das Equipment für die Regie, auf der anderen Seite ein abgeschirmter Raum für ungestörte Sprach-, Gesangs- und Instrumentalaufnahmen.
Die romantische Vorstellung von ländlicher Stille wich allerdings rasch der Realität: Das Gartenhaus lag direkt neben einem Bauernhof. Da der Bauer seine Tiere wegen der Verschmutzung der Straße nicht mehr auf die Weide trieb, fuhr er von morgens bis abends mit Riesentraktoren zwischen Silo und Kuhstall hin und her. Saubere Mikrofonaufnahmen waren tagsüber undenkbar; gerettet haben mich nur die ruhigeren Jahreszeiten – und vor allem die Nacht, in der das Bauerndorf einschlief und die eigentliche Studioarbeit begann.
Trotz dieser Widrigkeiten entwickelte sich Schöffelding zu einem echten kreativen Zentrum. Mein Freund und Ex-Kollege von Floh de Cologne, Dick Städtler, stieg damals sowohl finanziell als auch mit wertvollem Know-how in das Projekt ein, und wir produzierten dort gemeinsam verschiedene Film- und TV-Musiken. Bald gaben sich in diesem rustikalen Umfeld prominente Gäste die Klinke in die Hand: Sehr bekannte Regisseure für Hörspiele reisten aus allen Teilen Deutschlands an, um vor Ort die Aufträge zu besprechen. Und auch ganze Theaterensembles kamen nach Schöffelding – so beispielsweise aus Münster, wo mein ebenfalls aus der Floh de Cologne-Zeit bekannter Freund Theo König als Theaterregisseur wirkte. Mit ihm und den Sängern des Ensembles wurden dort die entsprechenden Theatermusiken direkt im Bauernstudio eingespielt.
Wenn man dann in all dem Trubel eine Pause brauchte, gab es im Ort nur eine einzige, unersetzliche Anlaufstelle: den Gasthof „Zum alten Wirt“. Dorthin zog es uns hin in der Mittagspause, und bei einer gemeinsamen Produktion mit Dieter Süverkrüp, der für seinen feinsinnigen Humor bekannt war, manifestierte sich die Stimmung dort in einem ganz eigenen Knüttelvers:
„Beim alten Wirt in Schöffelding, da saßen wir beisamm´,
und einer mit dem Löffel fing, zuerst mit Essen an.“
Mobile Pionierarbeit: Die Workshops mit dem Kreisjugendring
Der Abschied von Schöffelding vollzog sich nicht auf einen Schlag, sondern führte über eine intensive mobile Phase: Zwischen 1991 und 1997 war ich im Auftrag des Kreisjugendrings München-Stadt unterwegs und leitete insgesamt 42 Musikworkshops unter dem Titel „Musikproduktion im digitalen Studio“ in den verschiedenen Münchner Freizeitstätten. Das hieß jedes Mal: Equipment, soweit für den Workshop nötig, sorgfältig ins Auto laden, nach München fahren, vor Ort in den Jugendfreizeitstätten aufbauen und gemeinsam mit den Jugendlichen Musik und Songs produzieren.
Dass diese Workshops schließlich bundesweites Aufsehen erregten, war kein Zufall, hatte aber vor allem eine ganz konkrete menschliche Folge: In den Vorstädten von München traf ich auf dermaßen viele hochbegabte Jugendliche, deren Talente damals völlig im System untergingen und ungefördert blieben. Genau aus dieser Erfahrung heraus lag die Idee auf der Hand, ein Projekt zu gründen, das die Besten von ihnen zusammenbringt und eine professionelle Live-Produktion auf die Beine stellt. Ohne diese Musikworkshops wäre die Geburtsstunde des International Munich Art Lab schlicht und einfach undenkbar gewesen.
Menschlicher Respekt und offene Türen: Die Musikläden vor Ort
In all diesen Jahren passierte ein Großteil des musikalischen Austauschs an einem anderen Ort: sowohl in Köln als auch später in München existierten damals ausgesprochen großzügige und professionelle Musikhandlungen. Wenn man dort stundenlang, umgeben von unzähligem Equipment, neue Keyboards und Geräte ausprobierte, blieb den Chefs natürlich nicht verborgen, wie flüssig man die Tasten bediente. Aus diesem täglichen Testen und Musizieren wuchs echter Respekt vor dem handwerklichen Können. Und weil die Inhaber sahen, mit wie viel Ernsthaftigkeit man bei der Sache war, zeigten sie sich bei den teils ruinösen Anschaffungen oft extrem entgegenkommend und machten unkomplizierte Ratenzahlungen möglich – eine menschliche Geste, ohne die das professionelle Arbeiten in dieser Zeit kaum denkbar gewesen wäre.
Das eiserne Gesetz der Produktion: Vom Honorar in die Hardware
Durch all diese Jahre hindurch diente das Setup keinem rein theoretischen Zweck: Mit jeder dieser Ausbaustufen verdiente ich meinen Lebensunterhalt als freischaffender Komponist und Musiker mit Musik für Hörspiele, Radio, Theater, Fernsehen und Kino. Doch das Geschäft hatte einen harten Haken. Die ungeschriebene Regel lautete, dass man stets die Hälfte des verdienten Honorars postwendend in neues Equipment reinvestieren musste – es ging schlicht nicht anders, wenn man konkurrenzfähig bleiben wollte.
Der Druck der Modernisierung war absurd: Während man selbst längst wie selbstverständlich mit Festplatten und gebrannten CDs hantierte, hingen die großen Rundfunkanstalten oft noch mit analogen Mehrspurmaschinen im System fest, erwarteten aber von den Freiberuflern fertige, fehlerfreie digitale Endprodukte. Auf einen sprichwörtlichen grünen Zweig kam man wirtschaftlich auf diese Weise natürlich nie. Man häufte zwar im Laufe der Jahre ein phänomenales Studio mit enormen materiellen Anschaffungswerten an, doch dieser Wert war trügerisch – er existierte nur so lange, wie man die Geräte auch selbst produktiv nutzte. Der reale Wiederverkaufswert der einzelnen Gerätschaften erlebte über die Jahre einen katastrophalen Sturzflug.
Vom Projektstudio zum Surround-Standard und Abschied vom Hardware-Standard
Mit dem Übergang zu den Intel-Macs und professioneller Software wie Nuendo kehrte schließlich absolute Stabilität und enorme Rechenleistung in den Workflow ein. Dieser technische Reifeprozess fand schließlich seinen festen, physischen Höhepunkt in der großen Produktionshalle in München, in die das gesamte Equipment im Rahmen des International Munich Art Lab umzog. Hier wuchs das Setup endgültig zu einer professionellen Arbeitsumgebung heran, die konsequent für komplexe 5.1-Surround-Produktionen ausgebaut wurde – als logisches Resultat eines jahrzehntelangen, kompromisslosen Wegs von den Anfängen in Köln bis hin zur Förderung neuer Talente in München.
Nach meinem Ausscheiden aus dem International Munich Art Lab nach 25 Jahren stand ich schließlich vor der anderen Seite dieser Medaille: Ich blickte auf mein umfangreiches Studio und wusste schlicht nicht mehr wohin damit. Die Zeit war vorangeschritten, und niemand wollte mehr diese schwere, tonnenschwere Hardware mit großen Mischpulten, realen Samplern und Synthesizern haben. Für den kalten Elektroschrott war es mir jedoch viel zu schade.
Auf der Suche nach jemandem, der mir helfen konnte, das alles sinnvoll weiterzugeben, lernte ich schließlich einige extrem nette junge Menschen aus dem Allgäu kennen, die dort eine alternative Werkstatt- und Wohngemeinschaft bildeten. Beim ersten Besuch in meinem Studio fiel ihr Blick auf eine ganz besondere Arbeit an der Wand: meine selbst gebaute Doppelhalsgitarre (Bass und Gitarre). Einer von ihnen staunte, fragte, was das für ein Instrument sei, und als ich ihm erklärte, dass ich darauf damals bei Floh de Cologne gespielt hatte, gab es einen wahren Begeisterungsausbruch – er entpuppte sich als langjähriger Fan, der als Kind noch Floh de Cologne live gesehen hatte. Als er das Instrument in die Hand nahm und darauf spielte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: „Dies ist der richtige Zeitpunkt“. So habe ich sie ihm kurzerhand geschenkt, weil ich wusste, dass sie in guten Händen landet. Dafür und für das gesamte geschenkte Equipment sind sie mir bis heute dankbar – eine Verbundenheit, die bis heute trägt: Sie helfen mir bei Aufräum- und Entsorgungsarbeiten in Haus und Wohnung und bringen mir im Winter kostenlos Kaminholz vorbei. Es ist das beruhigende Gefühl, dass diese Begegnung wohl ein Leben lang halten wird.
Studiomix: „Wir sind das Herz der Stadt“ – Produktion: International Munich Artlab








