„Floh de Cologne, das ist keine Goldene Schallplatte und keine goldene Nase, kein Platz in der Hitparade und dem Abendprogramm des Fernsehens, kein Kunst- oder Kulturpreis und keine Subvention. Das ist Pech.“

Wie ich zu Floh de Cologne kam – und wie der Rock mich fand

Man fängt im Leben selten dort an, wo man eigentlich hinwill. Bei mir war es eine Kneipe in Köln, in der ich als junger, klassisch geprägter Musiker nach einer erfolgreichen, ziemlich schweißtreibenden Klavieraudition plötzlich als „revolutionärer Volontär“ bei Floh de Cologne landete. Vom akademischen, oft etwas steifen Korsett der klassischen Musik ging es direkt in den energetischen, unberechenbaren Kosmos der Politrock-Bewegung.
Was ich sonst noch konnte, interessierte überhaupt nicht.
Man wollte einfach nur wissen: „Kannst du Tango spielen?“

Der Crashkurs und die C-Moll-Rettung

Was folgte, war ein zweimonatiger Crashkurs in einer ehemaligen Bäckerei, die gleichzeitig als Bandlager diente. Dort lernte ich im Eiltempo, mit Keyboards, Wah-Wah und Verzerrern umzugehen. Der Ernst des Lebens holte mich dann bei meinem allerersten Live-Auftritt in Mainz ein: Die Zuschauer forderten lautstark den ultimativen Live-Hit der Band – „Der Löwenthaler“ über den berüchtigten TV-Moderator. Dummerweise hatte mir mein Vorgänger genau diesen Song nicht beigebracht. Da saß ich nun auf der Bühne, völlig ratlos, während das Intro anlief.
DerGitarrist rief nur ein knappes: „C-Moll Tango und dann einfach weitermachen!“
In der Klassik hatte ich bei Konzerten oft das bedrückende Gefühl gehabt: Die Leute sitzen nur da, um zu lauschen, ob man womöglich einen Fehler macht.
Doch hier erlebte ich das erste Mal eine absolut befreiende Wirkung: Das Publikum wollte genau das hören, was wir da auf der Bühne machten. Diese direkte Energie veränderte mein Leben als Musiker grundlegend. Augen zu, durch und improvisieren – die Feuertaufe war bestanden.

Mumien, Grugahalle und die erste eigene Komposition

Mitten in diese Lernphase platzte im Herbst 1973 der faschistische Putsch in Chile. Für uns war sofort klar, dass wir darauf musikalisch reagieren mussten. Gemeinsam mit Dick Städtler entstanden so meine ersten eigenen Kompositionen für die Gruppe – der Grundstein für die legendäre Rock-Kantate Mumien mit den Texten von Gerd Wollschon. Die Uraufführung in der Essener Grugahalle vor tausenden Menschen war ein Schock für die Nerven, aber als die Menge am Ende geschlossen auf den Stühlen stand, wusste man, wofür man diesen Weg gegangen war.

Vom Cello-Abflug zur E-Gitarre

Nach einer Weile reichte es mir jedoch, immer nur „verklemmt“ hinter den Keyboards zu hocken. Ein echter Rockmusiker steht an der Bühnenkante. In der Bäckerei ließ ich mich von John Mayalls „Nature’s Disappearing“ inspirieren mit seiner unglaublich beeindruckenden Bassline und dachte: wer Cello spielen kann ,der müsste auch Bass spielen können und beschloss, den schweren Fender Jazz Bass aus dem Lager zu holen. Das Üben endete zwar mit der gänzlichen Vernichtung meiner Heimstereboxen durch kühne Kabel-Experimente, aber der Groove saß.
Bei der Produktion TILT wollte ich dann so viel Bass und Cello wie möglich spielen. Die Premiere in der Hamburger Ernst-Merck-Halle vor 4.000 Zuschauern – mit einer geliehenen Riesen-PA von Carthago – setzte dem Ganzen die Krone auf: Direkt in der rockigen Cello-Ouvertüre rutschte ich auf meinem dreibeinigen Hocker über die Kante der ungesicherten, drei Meter hohen Bühne und stürzte mitsamt Cello in die Tiefe: Ein gewaltiger Krach über die Riesenanlage, den das Publikum johlend für eine geplante Performance hielt. Das Cello war hinüber, und den Rest des Abends musste ich alle Cellolinien kurzerhand ins Mikrofon pfeifen.

Das Cello wurde zwar repariert, musste aber bald dem endgültigen Heiligtum des Rock weichen: Einer gebrauchten Ibanez Les Paul und einem winzigen Batterie-Verstärker, der fortan in jeder Garderobe für Dauerbeschallung sorgte. Die Keyboards traten endgültig in den Hintergrund.

Die Prinzessin auf der Nadel und das epische Finale

In der Rockoper Koslowski ergatterte ich dann meinen ersten eigenen Gesangspart. Der Song „Die Prinzessin auf der Nadel“ nach Texten von Peter Maiwald, basierend auf einer echten, bitteren Erfahrung, wurde ein bis heute bleibender Meilenstein.
„Du hast zwar viele Begabungen, aber deinen Mund
solltest Du besser nur zum Rindfleischessen benutzen.“
— Unser Schlagzeuger zu meinen Gesangsambitionen

Trotz dieses charmanten Einwands setzte ich mich durch – und der Song wurde ein Hit. Als die Band 1982 über das Aufhören diskutierte, war ich als Jüngster im Bunde schockiert – ich war gerade erst so richtig in Form gekommen. Doch die Zeiten und die Lebensrealitäten hatten sich geändert. Der Abschied 1983 war schließlich nicht aufzuhalten, aber er war phänomenal: Ein 14-stündiges Mammutkonzert in der Kölner Sporthalle, vereint mit der gesamten deutschen Rock- und Liedermacherszene von BAP bis Hannes Wader. Ein ehrenvoller, lauter und unvergesslicher Schlussstrich unter eine einmalige Ära.

Historische Einordnung

Wer die harten Fakten und die offizielle Chronologie dieser Zeit nachlesen möchte, findet eine umfassende Dokumentation im Wikipedia-Eintrag zu Floh de Cologne. Dass diese Geschichte längst über deutsche Grenzen hinausstrahlt, zeigt sich übrigens daran, dass die Seite neben Deutsch auch in sechs weiteren Sprachen abrufbar ist – von Englisch und Französisch über Italienisch, Schwedisch und Dänisch bis hin zu Japanisch.

Tournee-Impressionen (Diaschau)

Wer noch tiefer in den echten Tournee-Alltag eintauchen möchte, findet hier die 38-minütige Bildershow. Entstanden aus den zahllosen Fotos, die damals unterwegs mit einer kleinen Rollei B35 im Gepäck entstanden sind, und unterlegt mit originaler Musik.

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